Er war kein Malerfürst sondern blieb, selbst von niedriger sozialer Herkunft und geringer Bildung, zeitlebens ein "armer Maler" (Heidermann), der es zu bescheidenem Wohlstand brachte, ein Porträtist der kleinen Leute, der sich ihrer stillen Freuden und bescheidenen Glücksmomente liebevoll, mit analytischem Blick und Präzision annahm und sie in Genrebildern von beschaulicher Intimität festhielt: Peter Schwingen (1813- 1863), der in Muffendorf geborene Maler, erfährt durch die 1996 erschienene Biographie von Pia Heckes und Horst Heidermann, bekannte Namen in der Kulturszene der Region, späte Würdigung. Bislang galt Peter Schwingen als einer unter vielen der Düsseldorfer Malerschule, als ein typischer Maler der Epoche des Biedermeier, freilich interessant und begabt, aber nur von regionaler Bedeutung. Und doch gehören die Bilder Schwingens, wie Heckes und Heidermann nach langjähriger Forschung ebenso eindrucksvoll wie überzeugend belegen, zu den besten, welche die Düsseldorfer Akademie hervorgebracht hat.
Mit innerer Anteilnahme und hohem Können schildert Schwingen in seinen Porträts, Familien-, Kinder- und Interieurbildnissen und ländlichen Szenen rheinisches Brauchtum zur Zeit des Vormärz und nach der 48er Revolution, friedliche Sonntag nachmittage zur Vesperzeit, ernste Gelehrte wie Peter de Weerth in seinem Arbeitszimmer (1838), Martinsabende mit leuchtenden Fackeln. Nicht dem Heroischen gilt sein Augenmerk, nicht der großen Geste und nicht dem Pathos, sondern dem Alltäglichen, den kleinen und doch so wichtigen Dingen des Lebens und der Menschen seiner Zeit, Er malte, was er sah, kannte und liebte - immer wieder Kinder, deren großer Freund er war, und dörfliche Szenen von privatem Charakter. Meisterlich verstand er es, feinsinnig, humorvoll und mit leiser Wehmut hinter dem äußerlich Sichtbaren seelische Befindlichkeit deutlich zu machen, das wortlose Einverständnis eines Paares im beschaulichen Lebensabend bei Filzpantoffein und Kaffeemühle, eine strickende Hausfrau, eine Mutter mit ihren Kindern unterm ländlichen Torbogen.
Idyllisch sind diese Geschichten kleinen Glücks und bezaubemd anzuschauen, dabei originell, bar jeglicher schwülstigen Soße, im Gegensatz zu Spitzweg sich weniger durch bissige Ironie, als durch verhaltene Heiterkeit und versteckte, aber deutliche Akzente von der Masse der Biedermeierkünstler auszeichnend. Das hatte in den 20er Jahren schon Walter Cohen, damals Kustos der Düsseldorfer Städtischen Gemäldesammlung, erkannt und wertvolle Anstöße zu einer neuen Sicht auf Schwingens Werk gegeben, den er unter den rheinischen Bildnisminem des 19. Jahrhunderts für den begabtesten hielt, Da Schwingen früh starb und nur ein relativ kleines Oeuvre hinterließ, war eine Neueinschätzung durch die Fachwelt schwierig. Pia Heckes und Horst Heidermann gelingt es mit klugen und vergnüglich zu lesenden Texten, denen eine biografische Skizze der Familie Schwingens, ein Werk- und Literaturverzeichnis sowie zahlreiche Abbildungen beigefügt sind, den zu Unrecht in Vergessenheit geratenen, großen Maler der kleinen Leute endlich ins rechte Licht zu rücken.
R. (P. Heckes/H. Heidermann, Peter Schwingen (1813- 1863), Leben und Werk. Hrsg. von der P.-Schwingen-Gesellschaft Bonn, 1995. DM 29,80, erhaltlich bei Bouvier, in der Siebengebirgsbuchhandlung und der Buchhandlung Linz, beide in Bad Godesberg).
[aus KABINETT 3.96]